Foto Johann Wilhelm Klein
Johann Wilhelm Klein

Foto Klein Autograph
"zum Besten erwachsener Blinden."
(Autograph Johann Wilhelm Klein, 1826)

Foto Füllfeder
Kleins Erfindergeist: Die Füllfeder ...

Foto Klein's Stacheltypen-Apparat
... und der Stacheltypenapparat

Foto Josefstadt
Die Blindenanstalt in der Josefstädter Straße (Ecke Blindengasse) 1839 - 1978

Foto Arbeiterblindenheim
Das Arbeiter- und Kriegsblindenwohnheim
in der Baumgarten Straße.

Foto Korbflechten
Beim Korbflechten

Foto Neubau
Neubau in Wien-Baumgarten
- eröffnet 1982 -


Foto ÖBW Wohnheim

Seit 1825

im Dienste blinder und sehbehinderter Menschen

„Es war gerade am 12. Februar 1825(,) dem allerh(öchsten) Geburtsfeste weil(and) S(eine)r Majestät Kaiser Franz I., als Klein eine geringe Zahl von Männern um sich versammelte, von welchen er überzeugt war, daß in ihnen ein für fremde Leiden fühlendes Herz lebe, und welche aufopfernde Liebe genug besäßen, sich mit ihm dem neuen Unternehmen zu widmen.

Durchdrungen von der Wichtigkeit seines Vorhabens schilderte Klein bei dieser Gelegenheit mit ergreifenden Worten die traurigen Verhältnisse der austretenden Zöglinge des Blinden-Erziehungs-Institutes. Er zeigte, daß nur dann wohlthätige Früchte von einer mehrjährigen, kostspieligen Erziehung zu hoffen wären, wenn es gelinge, noch eine zweite Anstalt in das Leben zu rufen, in welcher sie ein ruhiges, arbeitsames und von der Welt zurückgezogenes Leben führen können. Und von Gott gesegnet waren Klein’s Worte! Die Edlen, an welche er sich vertrauensvoll um Unterstützung seines Werkes gewendet, waren für die gute Sache gewonnen.“

Ergreifend schildert der Leiter des Blindenheimes im Jahr 1857 die Begeisterung des Gründers, Johann Wilhelm Klein, mit der dieser für die Umsetzung seiner Ideen warb. Klein war kurz vor 1800 aus Alerheim im bayerischen Schwaben nach Wien gekommen und hier als „Armen-Bezirksdirector“ tätig. Besonders störte ihn, dass viele blinde Menschen als Bettler ihren Lebensunterhalt verdienten, da man sie für bildungsunfähig hielt.

Kleins Ziel war nun, den Behörden die Bildungsfähigkeit blinder Menschen zu beweisen. Nach den ersten Volksschuljahren sollten sie im neu zu errichtenden Institut mit Blindentechniken und Hilfsmitteln vertraut gemacht werden und eine Berufsausbildung erhalten, um dann in ihrem Heimatort in Arbeit, Familienverband und Freundeskreis integriert leben zu können. Aus diesem Grund unterrichtete Klein als Hauslehrer ab 13. Mai 1804 den blinden Jakob Braun. Die Kaiserliche Hofkommission war vom Erfolg derart begeistert, dass Klein seinen Wunsch, ein Blinden-Institut zu gründen, umsetzen durfte.

Bald stellte sich aber heraus, dass die Integration in die normale Arbeits- und Lebenswelt nur bei einem kleinen Teil der Absolventen des Institutes möglich war. Daher schreibt Klein bereits 1818 von der Notwendigkeit einer „Anstalt zur Versorgung und Beschäftigung erwachsener Blinder“, doch kann er erst 1825 die geeigneten Männer zu einer Vereinsgründung bewegen. Als Kaiser Franz I. am 29. April 1829 den Verein bestätigte, wurden längst einige blinde Musiker in einer Wohnung betreut.

Mit kräftiger Unterstützung potenter Spender, unter ihnen Kaiserin Carolina Augusta, konnte 1839 ein Haus in der Brunngasse (heute Blindengasse) errichtet werden, das bis 1978 als Blindenheim in Verwendung stand.

Um 1900 setzte die Leitung des Heimes vor allem auf die Betreuung blinder Musiker. Daher wurde auf Initiative des damaligen Direktors des Blindeninstituts, Alexander Mell, für die blinden Handwerker (Bürstenbinder, Korbflechter u. dgl.) der Arbeiter-Blindenverein gegründet, der in der Baumgartenstraße ein Heim mit Werkstätten errichtete. Neben diesem entstand während des ersten Weltkrieges das Kriegsblindenheim. Beide Heime kamen in der Zeit der Wirtschaftskrise um 1927 unter die Leitung des Blindenwohlfahrtsvereins.

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts verbesserten sich die Integrationschancen für blinde Menschen, sodass nur mehr wenige in Heimen leben müssen. Das Ziel des Gründers, Johann Wilhelm Klein, schien erreicht zu sein.

Gleichzeitig stieg aber mit der zunehmenden Lebenserwartung die Zahl der Menschen, die nach langen Jahren fortschreitender Erkrankung (z.B. Diabetes mellitus) den Verlust der Sehkraft erleben. Damit war der Bedarf nach einem Heim für alte blinde oder sehbehinderte Menschen gegeben.

Dieser Entwicklung und den Anforderungen zeitgemäßer Betreuung und Pflege trug die Österreichische Blindenwohlfahrt, wie der Verein nun heißt, Rechnung: Anstelle einer unrentablen Generalsanierung in der Josefstadt beschloss man einen Neubau in Baumgarten, der 1982 in Betrieb genommen und 1988 um einen Zubau erweitert wurde. Während 1982 drei Krankenzimmer für Akuterkrankungen vorgesehen waren, disponierte man beim zweiten Bauteil in letzter Minute um und richtete eine Pflegestation ein.

Inzwischen hat sich der Bedarf weiter verändert: Durch die bessere Wohnsituation (Wohnungsgröße, WC, Warmwasser ...) und die Verbesserung ambulanter Pflegeangebote hoffen immer mehr Menschen, bis zum Tod daheim bleiben zu können. Ein Heimaufenthalt wird erst erwogen, wenn der Pflegebedarf daheim nicht zu meistern ist oder zusätzliche Probleme auftreten (Demenz, Schlaganfall, Folgeerscheinungen nach Sturz ...). Daher wurde im September 2006 die weltweit erste Pflegestation für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen, die an Demenz erkrankt sind, errichtet. Das Direktorium der Österreichischen Blindenwohlfahrt hat den Grundsatzbeschluss gefasst, das Pflegeangebot in den nächsten Jahren dem Bedarf entsprechend zu erweitern.

So geht es der Österreichischen Blindenwohlfahrt auch 180 Jahre nach ihrer Gründung darum, dem gleichgebliebenen Vereinsauftrag zu entsprechen: zum Besten erwachsener Blinder zu wirken und auf die aktuelle Not blinder Menschen mit entsprechenden Angeboten zu antworten.